iA


Sprechen Sie phrasenisch?

von Mike. Voraussichtliche Lesezeit: etwa 3 Minuten.

kopfgeschossenWas hat unsere schöne Sprache nur an sich, dass kaum einer sie noch wirklich schön sprechen oder gar schreiben möchte? Es wird nicht mehr kunstvoll erzählt und geschrieben, sondern aus dem großen Phrasentopf geangelt, dass es mitunter seltsame Blüten treibt (gemerkt?).

Auf einleitende Formulierungen wie „Ich denke mal …“ folgt mit ziemlicher Sicherheit hirnbefreiter Blödsinn. Auf die Schnelle zusammengezimmert und aus den Hirnwindungen gequetscht, kommen Sätze dabei heraus wie: „Ich denke mal, ich frag einfach mal jemanden der sich damit auskennt.“ An welcher Stelle des Satzes gedacht wurde, erschließt sich da nicht so recht. Da ist mir die Vorwarnung „Ich sage mal …“ doch noch lieber, denn da weiß ich mit Sicherheit, ich habe vor der als ultimative Weisheit verkauften heißen Luft, die dem Munde des Sprechenden entfleucht in Deckung zu gehen. Bildlich gesprochen, natürlich.

Wenn aber auch Profis, sprich Journalisten (2003, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, München), nicht mehr wirkliches Deutsch sprechen, sondern phrasierend durch die Gegend schwafeln, und solche absurden Bilder dabei heraus kommen wie „In Frankreich sterben die Alten derzeit weg wie die warmen Semmeln.“, dann sollte man eventuell den Bäcker wechseln, und „sich ernsthaft Gedanken machen“.

Genau! „Und der Krug geht solange zum Brunnen, bis das Kind verbrannt ist!“ (Heinz Erhardt, und zwar mit voller Absicht!)

Es lassen sich beim Lesen der Zeitungen, beim Fernsehschauen oder beim Zuhören die wundersamsten Phrasen hören. Da werden schon mal „Neger mit Köpfen“ gemacht, was nur so lange lustig ist, wie Obama nicht mit an der Gesprächsrunde teilnimmt. Der „normale Ottoverbraucher“ stellt dann auch schon mal „sein Licht unter den Schemel“. Damit er der Melkerin besser unter den Rock gucken kann? Dass der dann mal nicht „zur Salzsäure erstarrt“, ob des sich bietenden Anblicks. Nun ja, vielleicht übertreibe ich auch ein wenig, und „schieße mit Tauben auf Spatzen“, andererseits: „Lieber `ne Stumme im Bett, als `ne Taube auf dem Dach“ (und wieder Heinz Erhardt, der schon in den 50ern die sprachliche Misere erkannt und zur (Stil-)Blüte gebracht hat).

Kaum ein Zeitungsartikel, der nicht vor gelangweilt dahingekritzelten Phrasen stinkt, „wie der Fisch am Kopf“. Eine bekannte Lokalzeitung im Hessischen eröffnet sogar eine Kolummne für ihre Redakteure mit solch einer Phrase – „Wenn Sie mich fragen …“ – damit diese ihre „eigene Meinung der Dinge“ absondern können, sollen, müssen. Das Ergebnis klingt etwa so: „… war das eine gelungene Veranstaltung“, „… ist eine Bereicherung“ oder “… ist es schade um die verlorenen Arbeitsplätze”.

Phrasen über Phrasen: „Bei Kaiserwetter wurde unter freiem Himmel gefeiert bis tief in die Nacht. Einige mutmaßlich angetrunkene Randalierer konnten die Partylaune der Gäste nicht trüben, auch wenn so einige Zähne auf der Strecke blieben.“ Da wäre man doch gerne dabei gewesen, nicht? Ist zwar nur erfunden, könnte so aber in fast jeder beliebigen Lokalzeitung stehen, na ja, fast.

Und unsere Politiker? Die machen mit: „Unsere Realwirtschaft wird in Mitleidenschaft gezogen.“, so Peer Steinbrück am letzten Donnerstag zur Bankenkrise (zur “Fiktivwirtschaft” konnte und wollte er wohl nichts sagen), die auch nach Deutschland überzuschwappen drohte, und mittlerweile angekommen ist. Weiter meinte Steinbrück: „Wir müssen uns in nächster Zeit auf niedrige Wachstumsraten und – zeitlich verschoben – eine ungünstige Entwicklung auf den Arbeitsmärkten einstellen.“ Was er uns durch seinen Phrasendjungel hindurch sagen möchte: Den Bürgern des Landes wird es in absehbarer Zeit schlechter gehen als jetzt. Schuld daran sind die Investmentbanken in USA und Deutschland, die jetzt hinter unseren Steuergeldern her sind wie „Moppel hinter den Graupen“, weil sie sich heftig verspekuliert haben.

Was Aktuelles aus Einbeck gefällig? „Das Highlight des Einbecker Eventkalenders ist mal wieder im Kommen!“ (Ich sage nicht woher das ist – aus Rücksicht.) Und wenn das Highlight so ankommt, dann müssen wir hoffentlich nicht in Deckung gehen.

Aber auch die „Großen“ können das: „In der vergangenen Woche musste der Handel an der russischen Börse sogar ausgesetzt werden, weil die Kurse so rasant ins Bodenlose stürzten. … Trübe Stimmung am Schwarzen Meer. Bis die Sonne durchbrach und von der Börse plötzlich Jubelmeldungen kamen.“ (aus zeit.de)

Schon vor 125 Jahren prophezeite uns Friedrich Nietsche: „Noch ein Jahrhundert Zeitungen, und alle Worte stinken.“

Das „schoss mir nur mal so durch den Kopf“

Share

Keine Kommentare für ‘Sprechen Sie phrasenisch?’

Hinterlasse einen Kommentar