Setzen, sechs!
von Mike. Voraussichtliche Lesezeit: etwa 3 Minuten.
Zu meiner Schulzeit wurde heftig abgeschrieben. Viele wurden dabei erwischt und hatten mit schlechten Noten zu rechnen, einige kamen mit ihrer Schummelei durch.
Wenn in Arbeitsgruppen etwas gemeinsam verfasst werden sollte, meist in Vierergruppen, dann war es oft so, dass einer schrieb und die anderen sich eher zurückhaltend gaben. War die Note gut, waren alle glücklich, war sie eher schlecht, bekam der Fleißige auch noch den Unmut der anderen zu spüren. Ich darf mich heute noch für meine zwei in Erdkunde bedanken. Nicht ich habe geschrieben, sondern ein Klassenkamerad. Ich trug nur vor; das kann ich. Und wir bekamen prompt eine zwei. Wobei alle der einhelligen Meinung waren, dass nur ich das geschrieben haben konnte (es ging um eine Tour durch Amerika und Kanada – mit einem VW-Bus, versteht sich; dabei war der Führerschein noch Äonen entfernt, also zwei Jahre ca.). Wenn man also einen ganz passabelen Ruf hat, dann ist das Schummeln gar nicht so schwer, man sagt halt, es wäre aus eigener Feder, dann wird das auch geglaubt, sogar von den Lehrern. Wobei ich das ja nicht behauptete, ich widersprach nur nicht (sorry, Herr Meyer).
Wurde man allerdings beim Abschreiben erwischt, war der Betrug unübersehbar und die Strafe folgte auf dem Fuße: setzen, sechs! Außer einmal, da hatte der Lehrer sein Manuskript für die Arbeit auf dem Schreibtisch aufgeschlagen liegen lassen, und dem Schüler, der vor dem Schreibtisch saß gelang es, die Mathe-Lösungen inkl. Rechenweg abzuschreiben. Ein anderer Schüler, der dieses mitbekam und wohl grün vor Neid war, machte wenig dezent darauf aufmerksam, und der Lehrer machte – gar nichts. „Warum soll ich jemanden bestrafen, der es versteht auf dem Kopf herum zu lesen? Da bin ich selbst schuld!“ Und der Neider wurde noch eine Nuance grüner.
Eine ganz andere, weniger harmlose, Abschreibungsgeschichte beschäftigt dieser Tage sämtliche Medien. Jeder Viertel-, Halb- und Ganzprominente darf seine Meinung kundtun, sogar eine Alice Schwarzer bei Anne Will (Was macht die da? Warum vorverurteilt die nicht beim Kachelmann-Prozess? Hat die etwa auch abgeschrieben? Und wenn ja, bei wem? Wer schreibt so einen Mist?)
„E pluribus unum“, Aus vielem eines“ (bis dahin Originaltext von Barbara Zehnpfennig, obwohl es eigentlich in der Übersetzung „Aus vielen eines“ heißen müsste), lautete wohl das Motto des Herrn zu Guttenberg, beim Zusammenklamüsern seiner Dissertation – über sechs Jahre in mühevoller Kleinarbeit, wie er betonte! Ja, ja, so Abschreibungen können schon etwas dauern. Zum heutigen Zeitpunkt (Montag, 21.02.11) wurden auf 238 Seiten der 475 Seiten seiner Dissertation angebliche Plagiate gefunden. Nicht, dass auf anderen Seiten nicht auch fremde Texte existierten, die wurden nur als solche auch kenntlich gemacht. In Anbetracht der Häufigkeit der Plagiatsverdachte möchte man an der eigenen geistigen Schöpfungshöhe des Werks von zu Guttenberg zweifeln. Das Werk nimmt sich nun eher aus wie ein Dissertations-Quilt – ein Flickwerk aus übrig gebliebenen Textresten, zu etwas neuem vernäht.
Nun kommen wir wieder zu meiner Erdkundearbeit: Es ist ja durchaus denkbar, dass der Herr zu Guttenberg seine Dissertation gar nicht selbst verfasst hat, schließlich hatte er ja viel zu tun, da saugt man sich nicht einfach fast 500 Seiten Dissertation aus den Haargel besudelten Fingern. Mit dem nötigen Kleingeld, und das wissen wir doch alle, ist auch eine Doktorarbeit zu kaufen. Und wenn er sonst nichts hat, das nötige Kleingeld hat er sicherlich. Dumm nur, dass es verboten ist, sich seine Dissertation von einem Ghostwriter schreiben zu lassen, das dürfen straflos nur Konsalik und Konsorten, wobei die eher Triviales produzieren. Sollte zu Guttenberg solche Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, kann er noch nicht mal gegen den Dienstleister vorgehen. Dumm gelaufen. Allerdings ist das nur spekulativ, erst wird genau geprüft. Zudem kommt der Vorwurf des Amtsmissbrauchs dazu, denn Guttenberg soll auch den Wissenschaftlichen Dienst der Bundestags 2004 mit einer Studie beauftragt haben, die ebenfalls fast ohne Textänderungen (lediglich einige Worte wurden vertauscht) in seine Dissertation übernommen wurde.
Nun sind wir ja alle dumm, haben keine Ahnung von wissenschaftlicher Arbeit, lassen uns gerne von zu Guttenbergs Charme einwickeln und bewundern seine hübsche Frau, die ja schon fast als designierte Kanzlergattin die Welt von Pädophilen befreien möchte. Und da wir alle auf dem Baum schlafen, wird dem Herren sicher nichts Schlimmes passieren. Schließen möchte ich mit einem Zitat von Ludwig Thoma: „Er war ein Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande.“

“Wurde man allerdings beim Abschreiben erwischt, war der Betrug unübersehbar und die Strafe folgte auf dem Fuße: setzen, sechs!” Ja, aber seh’n Sie: er wurde ja erst hinterher erwischt. Wollen Sie, dass man Ihnen Ihr Abitur wieder wegnimmt? Nein? Sehen sie, darum:
Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!
Die Leute, die keine Uni von innen gesehen haben assozieren, denke ich mal eine abgeschriebene Dissertation mit abgeschriebenen Hausaufgaben und genau das ist problematisch. Es ist halt nicht das gleiche. In der Schule bekommt man für sowas einen bösen Blick oder höchstens eine 6. An der Uni wird man im Wiederholungsfall exmatrikuliert und verliert seine Glaubwürdigkeit. Das muss man verständlich machen sonst sehen das Viele weiterhin als eine Art Jugendstreich.
@Feliks_Dzerzhinsky: Das mit dem Doktor hat sich ja nun erledigt. Bis zu dieser Geschichte war mir der Herr zu Guttenberg sogar einigermaßen symphatisch. Ich frage mich jetzt, wie ignorant und arrogant man sein muss, zu meinen, dass man damit durchkommt, anderer Leute geisteiges Eigentum als sein eigenes auszugeben?
@Sebastian Kr: Dass der Vergleich hinkt, ist mir wohl bewusst. Es ist ja auch keine wissenschaftliche Arbeit, sondern nur eine Glosse. Was mich wundert: Wie konnte er von seiner Uni ein summa cum laude bekommen? Wurde gar nicht geprüft? Reichte einfach ein “von und zu”? Vielleicht sollte man die Vergabepraktiken der Uni auch mal überprüfen.