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Kurze Sätze

von Mike. Voraussichtliche Lesezeit: etwa 2 Minuten.

Kurze Sätze sind “in”. Zumindest bei vielen Journalisten, die die Sprachschulen des Wolf Schneider durchlaufen haben. Dass es auch anders geht, ja gehen sollte, vertritt Klaus Jarchow in diesem Posting im Stilstand.

Schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hat einer gezeigt wie es geht, mit den langen Sätzen:

Ein Satz

Wenn Sie in einer Gesellschaft unter lauter offenen, netten und freundlichen Menschen, die ungezwungen plaudern, klar blicken und so gar keine Würde um sich verbreiten, Einen sehen, der mit herausgestreckter Brust jedes seiner Worte posaunt, unter einer niedrigen Stirn zwei kleine kalte Augen, ohne daß Sklaven vorhanden wären, herrisch blitzen läßt, weil ihm nichts daran gelegen ist, etwas zu gelten, aber Alles daran, mehr zu gelten als die Andern, Einen, der im Knopfloch ein Bändchen trägt und auf der Backe vielleicht eine schlecht verheilte Narbe, der sich sein Monokel einklemmt, wenn er etwas lesen will, das er doch nicht verstehen wird, Einen, der feige und gewalttätig zugleich aussieht, und dessen ganzes Gehaben an einen mühsam gezähmten Schlächterburschen gemahnt, der auf dem Tanzboden gleich einen Krawall anfangen wird, Einen, der entschlossen ist, für die dümmste Sache mit dem ganzen Einsatz seiner Persönlichkeit voll und ganz einzutreten, und der so viel Prestige hat, daß ihm für die Humanitas nichts übrig bleibt, der sich, selbst ein leerer Sack, hinter seinen Titel, seine Dekoration und seine gesellschaftliche Stellung verkriecht, die er auch im Sitzen straff betont, Einen, dem nur wohl ist, wenn er unter Kerls, die nicht schreiben und lesen können, aber von ihm zu fressen bekommen, mit der Reitgerte imponieren darf, und der sich hütet, in andre Gesellschaftsklassen zu gehen, weil man ihn da lächelnd abtäte, Einen, der mit gut gepflegten, ein wenig zu dicken Fingern auch von jüdischen Bankiers gern nimmt, wenn es etwas zu verdienen gibt, und der den Kellner der Weinabteilung zur Abspiegelung seiner Macht braucht, den gekrümmten Trinkgeldrücken vor dem Thron seiner Eitelkeit, Einen, der sich hinter dem Staat verbirgt, wenn er etwas ausgefressen hat oder Pension bezahlt haben möchte – wenn Sie so Einen sehen, dann können Sie darauf schwören: dieser Mann ist ein Nationalist.

Ignaz Wrobel*

*alias Kurt Tucholsky, erschienen in “Die Weltbühne”, 1925

In diesem Jahr wurde Wolf Schneider geboren, er bekam den Text also (noch) nicht mit.

Wenn man ihn sich aufmerksam durchliest, diesen Satz, ist er erschreckend aktuell. Zumindest in einigen Gegenden Deutschlands. Dass nicht nur dieser Text von Tucholsky das wiederspiegelt, versuche ich in loser Reihenfolge hier anhand von Beispielen darzulegen.

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