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Gertrud sacht … 3

Gertrud_KopfWie Se sicherlich noch wissen, war ich ja inner Klinik, wegen meine Füße. Also die gute Nachricht: Füße sind noch dran! Sonst hat sich nix geändert. Aber machen wa mal weiter, wo wa´s letzte mal stehen geblieben sind: bein Röntchen.

Der Zivi, der mich netterweise mitten Rollstuhl inne Röntgenabteilung geschoben hat, verabschiedete sich mit “Alles Gute” – aber ich hab da nich recht dran geglaubt. Abgestellt hatter mich neben eine Stuhlreihe und ein Bett mit einer sehr alten Frau mit ohne Zähne im Mund, und lauter Schläuche aus den ausgemergelten Körper schlängelnd. An der rechten Seite von den Bett hing ein Urinbeutel – bis oben hin voll, versteht sich; an der linken Seite so ein großer Beutel mit eine klare Flüssigkeit, die hat geblubbert und gedampft, als wie sonne Nebelmaschine. Na ja, vielleicht hatte die Dame ja Disco im Darm, man weiß es ja nich. Aufe Bank an meine grüne Seite saß ein Herr in den besten Frauenjahren, also so umme 60. Grau meliertes Haar, Ritschad-Gieriges Gesicht, schwarze Lackschuhe, schwarze Socken, lockeres kariertes Hemd und LILA Jogginghose. Ich mein, die Farbe, kann man nich drüber streiten, is Geschmackssache; aber die eingetrockneten Flecken inner Gegend von den sein schon bessere Tage gesehen habenen besten Teil, das geht ganich. Dazu stolzierte der da rum, als hätte den die Klinik gehört. Rumstolziert is dann auch noch eine andere Dame. Natürlich nich nur stolziert, sondern auch mit ihren Mann lauthals am Beschweren, dass das hier so lange dauert. Dabei hatte se eine Hand immer hinten in der Jeans. Hatte zwar kein Hintern inner Hose, aber die Pfote bis anne Kimme. Ich frach mich noch heute, was die da festgehalten hat. Als ich denn endlich – nach eineinhalb Stunden – dran war, hat son junges Ding meine Füße geröncht, was nich länger als zehn Minuten gedauert hat. Die hat sich anschließend für meine Geduld bedankt. Dabei hattich gar keine. Apropos junges Ding: Was hier inne Klinik so als Ärzte rumläuft, is schon erstaunlich. Bei manchen hat man das Bedürfnis, denen ein Lolli anzubieten, ehrlich. Dann fuhr mich ein etwas älterer, netter Herr zun Echolot, oder so. Wegen den Herzen. Warum weiß ich nich, denn mit den hatte ich ja nix. Musste der Doktor dann auch gleich einsehn. Und danach war ich eine ganz Mutige: Ich hab auf den Fahrdienst verzichtet und wollte selber den Rolli auffe Station fahren. Ich hatte natürlich noch die ganzen Unerlagen und Befunde dabei, und mit denen inner Hand, kann man ja nich Rollstuhl fahrn, außer immer im Kreis rum. Also hab ich das Papierkrams hinter mich in Sitz geklemmt, und bin losgerollert. Se glauben gar nich, wie schwer und anstrengend das is. Nu ja, nach gefühlten fünfeinhalb Kilometern und eine Fahrstuhlfahrt bin ich endlich angekommen. Schlecht war nur, dass die Unterlagen wech warn. Die hab ich Esel woll im Rollstuhlgalopp verlorn. Da waren dann die Schwestern erste mal auf Suchlauf. Ham sich aber wieder angefunden, beides, Schwestern und Unterlagen, sonst hättich den Tach noche mal wiederholen müssen, wie bei “Und täglich grüßt das Murmeltier”. Höchststrafe wär das gewesen, sach ich Ihnen (ich krich die lila Hose nich mehr aussen Kopp, glauben se das? Pfui Spinne!). Den nächsten Tach, was dann der Mittwoch war, hab ich quasi aktiv kommen sehen, weil meine Zimmerkeucherinnachbarin alle Stunde nache Schwester geklingelt hat, damitse ihr bein Husten hilft. Das reinste Guantanamo, echt. Wenn das nich gegen die Genfer Konvenionen verstößt, dann weißich nich. Den Tach verbrachte ich dann mit Lesen, denn außer Blut abnehmen, Blutdruck messen und nach meinen Stuhlgang erkundigen, haben die nix gemacht. Der ganze Tach also verschenkt. Apropos Stuhlgang: Wenn se inner Klinik in Göttingen mal müssen, also groß jetzt, dann achten Se mal auf das Klopapier: so ca. 15 mal 15 cm kleines Papierchen, so dünn, dasse schon fünf übernander legen müssen, damit sich die Finger nich pur da wiederfinden, wo die Sonne nich hinscheint. Deshalb hat sich meine Zimmernachbarin auch immer hinterher den Pöter gewaschen, weil der mit den Papier nich sauber zu kriegen war. Was ich ja grundsätzlich gut finde, also das Waschen. Wenn aber das Waschbecken links neben der Eingangstür is, nur durch einen Vorhang – der natürlich nich zugezogen war – vonner Außenwelt getrennt, dann wird einen doch ganz anders, kommt man nix ahnend durche Tür und blickt auf schneeweiße Hängebacken mit Hand und Waschlappen inner Mitte. Und die auffen Gang haben auch noch was davon. Hoffentlich krieg ich hier keine Alpträume … Am Donnerstach wolltense schon wieder Blut haben. Son junger fescher Praktikant (der hatte auf dem Namensschild vor seinen Namen BP stehen, was für Block-Praktikant stand; ich dachte erst, der war vonner Tankstelle, so oft der mein Blut haben wollte) zapfte mich an, und machte so drei bis vier Röhrchen voll. Danach ging ich mir einen Kaffee holen – man muss ja wieder auffüllen – schon stand der Jüngling wieder da, und wollte nochmal Blut haben. Die Anweisung sei eben gerade erst gekommen, bat er um Entschuldigung. Nun stand ich bein Kaffeeholen aber an der Stationszimmertür und bekam mit, dass ein für mich bestimmtes Röhrchen bein anderen Patienten einsortiert war. Der krichte ´n Kopp, wie ne belgische Fleischtomate, als ich ihn meine Beobachtung mitteilte.\r\nWas mich wieder aufs Essen bringt. Den Abend gab es Brot, eine Scheibe Käse und „Putenmedaillon“. Das Putendingens hätte man gut und gerne als Unterlegkeil für LKW nehmen können. Meine Nachbarin hat sich dann beim Schneiden auch fast die Hängebrust amputiert. Da musste ich ein Stück von meiner mitgebrachten Mettwurst opfern. Nich laufen können, und dabei auch noch hungern, das geht ganich. Am Freitach durfte ich dann nach Hause, mit einer Therapie-Empfehlung, die ich dankend abgelehnt habe: Cortison und Chemo. Die Diagnose teilte man mir ers mit, als ich nachgefracht hatte. Da nahm ich mir vor, im Stadtkurier bei den alternativen Heilmethoden (habe alle Ausgaben gesammelt, man weiß ja nie, wofür das gut is) was Besseres zu suchen. Und als ich dann nach Hause kam, was soll ich Ihnen sagen: der Müll stand immer noch inner Küche …

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