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Gammelfleisch …

von Mike. Voraussichtliche Lesezeit: etwa 3 Minuten.

kopfgeschossen

… scheint in aller Munde (und Mägen), bedenkt man die gefundenen Mengen. Zig Tonnen verdorbenes Fleisch, das meiste schon verzehrt. „Gammelfleisch“ ist sicherer Kandidat für das Unwort des Jahres 2006.

Alles Fleisch, was nicht mehr verzehrt werden sollte wanderte gut gewürzt in die beliebten Dönerspieße, frei nach dem Motto: Unser Schorf soll Döner werden!

Mittlerweile gut verdaut, ist nach bisherigen Erkenntnissen noch niemand gestorben am Gammelfleisch; aber was nicht ist … Woran liegt’s, dass verdorbenes Fleisch den Weg in unsere Mägen sucht? Am Preiskampf der Dönerbuden? Am Fleischpreis überhaupt? Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch reicht in Deutschland mit 90,7 kg im europäischen Vergleich nur zu Rang 10. Die Spanier essen mit 126,9 kg pro Kopf und Jahr wesentlich mehr und liegen an erster Stelle (Zahlen aus 2003). Da werden wohl schon die Babys mit Serrano-Schinken gewickelt. Wäre man gehässig, könnte man anregen, überflüssiges, weil nicht verzehrtes Fleisch nach Spanien zu exportieren. Die Spanier würden sich vielleicht sogar darüber freuen. Gibt es doch in Spanien eine Schinkensorte, die mit 100 €/kg gehandelt wird. Ungeahnte Gewinnmöglichkeiten für Gammelfleisch-Exporteure. Mal nachgefragt: Was ist denn eigentlich Gammelfleisch? Die Definitionen gehen auseinander. Schmieriges, schleimiges, stinkendes Fleisch dazuzurechnen ist klar, und erkennen kann das sogar die Hausfrau mit Sehschwäche und üppig dimensionierten Nasenpolypen (für „üppig dimensioniert“ gibt’s dann doch schönere Stellen). Aber wo sind die Grenzen? Denkt man gerade mal 50 Jahre zurück, so war Fleisch (insbesondere Wild), welches heute als vergammelt gilt eine besondere Delikatesse. „Haut goût“ wurde er genannt, dieser „Hohe Geschmack“ (Übersetzung aus dem Französischen), der aus dem natürlichen Verwesungsprozess resultierte. Äußere Fleischschichten wurden abgeschnitten/abgeschält und das Übrige war die Delikatesse. Heute würde es durchaus zum Gammelfleisch zählen. Wo ein geschlachtetes Rind längstens vier Tage im Kühlhaus reifen darf und oftmals als Steak auf dem Tisch landet, dessen Konsistenz eher an „Schusters Rappen“ erinnert, ist Gammelfleisch eigentlich kaum vorstellbar. Richtig abgehangen wird Fleisch schon längst nicht mehr; die Gewichtsverluste wären viel zu hoch. Die Gewinnspanne merklich geschrumpft, wie des Mannes bestes Teil beim Anblick der Heizölrechnung (im Übrigen riet gerade in der letzten Woche Alfons Schubeck in seiner Kochsendung im NDR, Rindfleisch mindestens drei Wochen abhängen zu lassen!!!). Doch wie bekommen das denn die Fleischgroßhändler hin, dass sie angeblich Millionen mit Gammelfleisch verdienen? Jedes Gammelfleisch war ja auch mal frisch und wurde somit zu „normalen“ Preisen gehandelt: „Ach, ich kaufe mal einwandfreies, gefrostetes Roastbeef für 10 €/kg ein, lass es im Kühlhaus zehn Jahre liegen und verkaufe es dann für 5 €/kg wieder. Ist zwar nicht viel verdient, aber die Menge macht’s.“ Hä? Ist wohl eher umgekehrt. Das Haltbarkeitsdatum um eine halbe Generation überschrittenes Fleisch aus Überproduktionen wird, statt es „dem Weg ewigen Fleisches“ zuzuführen, von Fleischgroßhändlern billigst gekauft, zu überwürzten Spießen verarbeitet (der Getränkekonsum muss ja schließlich auch angekurbelt werden) und an die Dönerbuden zum „Vorteilspreis“ verscherbelt. Also sind wir selbst schuld, weil wir den Geiz so geil finden wie Brad Pitt die Angelina in der Gaststättentoilette? Was also tun? Schimpfen auf die Obrigkeit, wegen nachlässiger/nicht vorhandener Kontrollen? Wird wohl nichts nützen, die Obrigkeit ist das Schimpfen gewohnt. Weniger Fleisch kaufen? Das Resultat ist klar: noch mehr Gammelfleisch. Eine vertrackte Situation. Eigentlich hilft nur eins: verantwortungsbewusste, ehrliche Fleischgroßhändler. Aber woher nehmen? In Deutschland gibt’s ja wohl nicht so viele. Das Allheilmittel der Computerprogrammierung, „die Inder“, sind dazu auch nicht zu gebrauchen – Befangenheit wegen der heiligen Gammelkühe.

Man darf gespannt sein, was uns in den nächsten Wochen auf unseren Tellern begegnet: die angeblich vernichteten vogelgrippalen Hühner aus China mit Made-in-Germany-Stempel? Ich ahne es nicht einmal. Apropos Gammelfleisch. Axel Schulz und Henry Maske wollen’s noch mal wissen. Ende diesen (Schulz) und Anfang nächsten Jahres (Maske) lassen sie sich noch einmal die Hucke vollhauen. Na ja, wenn man Fleisch plattklopft, wird es schön zart! In diesem Sinne: wohl bekomms!

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