iA


Frühling …

von Mike. Voraussichtliche Lesezeit: fast 4 Minuten.

… läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen

Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist’s!

Dich hab ich vernommen!

Eduard Mörike

Es lässt sich nicht leugnen – der Frühling ist da! Diese wundervolle Jahreszeit, die die Winterkälte vertreibt und die Natur erwachen lässt. Der erste Bärlauch ist geerntet, der erste Schnittlauch hat die Schere zu spüren bekommen, die ersten Tulpen entzücken die Frauenherzen und Obstbaumblüten verheißen eine reiche Ernte im Herbst.*
Die Sonne lockt nach draußen in den Garten, der Grill will vom Rost befreit werden, die Bratwürste schreien in der Schlachtertheke nach meinem Einkaufswagen – endlich Wärme, endlich draußen, endlich grillen.
Nur geht das natürlich nicht nur mir so, auch die Nachbarn haben das „Draußen“ für sich entdeckt und feiern die ersten Grillpartys. Vor der Schlachtertheke schlängelt sich das grillgierige Volk und lechzt nach Nackensteaks und fettem Schweinebauch. Die Fleischereifachverkäuferinnen sind mit solcher massiven Schweinegier restlos überfordert, so versuchen schon einige Backenbärte zu verkaufen, statt Koteletts. Als ich nun endlich an der Reihe bin, sieht die Fleischtheke aus, wie nach dem Einfall der Ostdeutschen nach der Grenzöffnung. Gerade ein paar Nackensteaks schauen marinadeverschmiert aus den Edelstahlbehältern, denen ich mich dann entäuscht annehme (den Nackensteaks, nicht den Behältern), obwohl mir der Sinn eher nach etwas Magerem stand. Zumindest war es meine Verkäuferin, also mager. Dafür geistig etwas einfach strukturiert. Macht nichts, wer will schon Einstein hinter der Schlachtertheke?
Zu Hause schnell in bequeme Garderobe geschmissen und raus in den Garten – Sonne genießen, Vögel zwitschern hören, Frühling genießen.
Vögel gab es eher nicht zu hören, denn fröhlich schallt Micky Krauses „Geh doch zu Hause, Du alte Scheiße“ (noch vor ein paar Jahren war es das „Horst-Wessel-Lied aus dem weit offenen Fenster von Nachbars Opa – ich weiß nicht, was jetzt besser ist) durch die frühlingswarme Abendluft, grölend unterstützt von einigen bierseligen Jugendlichen und zusätzlich untermalt von rythmisch kneternden Rasenmähern, mit häufigen Einwürfen einer Kettensäge und dem Klangteppich einer Motorsense. Man wünschte sich doch, sie alle hörten auf den Krause.
Nun gesellen sich auch noch ein paar Nachbarskinder laut schreiend in die ungewöhnlich anheimelnde Akustik des lauen Frühlingsabends und tun ihr Möglichstes, auch noch das letzte Fitzelchen Wohlbefinden in ihrer Klangwolke zu ersticken (gibt es eigentlich noch die Kinderlandverschickung? Nein? Schade!).
Schon holt auch der Landwirt seinen Trecker hervor, und beginnt in hohem Bogen Gülle auf seinen Acker zu befördern, um dem Frühling die rechte Würze zu verleihen. In olfaktorische Konkurrenz treten dunkle Schwaden der entzündeten Holzkohlefeuer und die ersten zaghaften Bratwurstdüfte. Es riecht, wie Grillen im Schweinestall, wobei der Stall die Oberhand behält.
Frühling, du Jahreszeit der erwachenden Natur, könntest Du die anderen nicht noch ein wenig schlafen lassen?
Das Vogelgezwitscher wird nun unterstützt durch ein im Takt mit der Ballermann-Musik quietschendes Minitrampolin, während der nächste Nachbar sich wohl denkt: Wenn die mähen, dann muss ich wohl auch. Hätte er besser mich gefragt …
Während nun das Abendrot einen neuen, schönen Frühlingstag prophezeit, ist das erste Kind vom Trampolin gefallen und kreischt nun zu Rammsteins „Mutter“ die Obertöne, was tonal überhaupt nicht konveniert und Beethoven im Grabe rotieren lässt – und der war taub!
Der Landwirt hat seine Gülle verspritzt, allerdings scheint es noch nicht genug, denn jetzt erschallt die Güllepumpe, um den Hänger wieder zu füllen.
Derweil schaukeln die Kirschblüten LEISE im Wind, und die Kreissäge ein paar Häuser weiter erinnert daran, dass ja bald wieder Winter ist. Die erste Hummel surrt um meinen Kopf, eine Wespe versucht, sich am Gartenhaus ein Nest zu bauen, kaum zu hören, ob der niedlichen Nebengeräusche. Die Party ist mittlerweile bei „Ein Stern, der Deinen Namen trägt“, skandiert von DJ Ötzi angelangt – wie gern schösse ich Euch alle auf jenen Stern, um den Frühling in Ruhe zu genießen.
Bevor nun auch noch der „König von Mallorca“ in sein Bett im Kornfeld fällt, fälle ich eine Entscheidung: Ich gehe rein, mache Fenster und Türen zu und schaue wehmütig aus dem Fenster …

*Bis dahin hatte ich schon in meinem anderen Blog, und schmeichelhafter, über den Frühling berichtet.

Share

Keine Kommentare für ‘Frühling …’

Hinterlasse einen Kommentar